Friedrich Dürrenmatt, Pluto und der Iffland-Ring

Im Rahmen einer Sammlung von Indizien für die Existenz astrologischer Effekte stieß ich beim Thema Pluto auf den schweizerischen Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Anlass für die folgende Untersuchung war sein Roman Justiz aus dem Jahre 1985, genauer: dessen Verfilmung von 1993, die 2016 im deutschen Fernsehen gesendet wurde.

Hier zunächst die Handlung des Films, an dessen Drehbuch Dürrenmatt beteiligt war, unter plutonischen Gesichtspunkten:

Der angesehene, sehr vermögende Regierungsrat Kohler erschießt in aller Öffentlichkeit, vor zahlreichen Zeugen, einen bekannten Professor. Ein Tatmotiv ist scheinbar nicht vorhanden, und die Tatwaffe wird nicht gefunden, wegen der Eindeutigkeit des Sachverhalts wird Kohler aber verurteilt.

Bald nach Antritt seiner Haft bestellt er den jungen, noch recht erfolglosen Rechtsanwalt Spät zu sich ins Gefängnis. Es ergibt sich folgender Dialog:

K.: Ich möchte, dass sie meinen Fall aufs Neue untersuchen, und zwar in der Annahme, dass ich nicht der Mörder gewesen bin.

S.: Ich verstehe nicht…

K.: Sie haben eine Fiktion aufzustellen, nichts weiter.

S.: Ja, aber sie sind nun mal der Mörder. Da ist jede Fiktion doch sinnlos.

K.: Nur so ist sie sinnvoll. Sie sollen ja nicht die Wirklichkeit untersuchen, sondern nur eine der Möglichkeiten, die hinter der Wirklichkeit stehen. Sehen sie, lieber Spät, die Wirklichkeit kennen wir ja nun. …Aber das Mögliche kennen wir kaum. …Das Mögliche ist beinahe unendlich, weil ja nur eine der vielen Möglichkeiten Wirklichkeit werden kann. … oft … überlege ich mir, wie denn die Wirklichkeit aussehen würde, wenn nicht ich, sondern ein Anderer der Mörder wäre. Wer wäre dieser Andere? Diese Frage will ich von ihnen beantwortet wissen. Als Honorar zahle ich 100000 Franken, 50000 als Vorschuss. …

S.: Entschuldigen sie, aber dieser Auftrag ist schwachsinnig.

K.: Hélène wird ihnen den Vorschuss auszahlen und ihnen ihr neues Büro und ihre neue Wohnung zeigen, ein schickes Büro, mit Sekretärin, Fräulein Freude ist eine Perle. Wenn sie für mich arbeiten wollen, müssen sie schließlich etwas darstellen. Nun grübeln sie nicht länger über den Auftrag nach, sie werden ihn annehmen, junger Freund, ich kenne sie besser als sie sich selbst.

Nachdem Spät den Auftrag tatsächlich angenommen hat, nutzt Kohler aus der Haft heraus seine alten Beziehungen, um Spät Mandanten zu verschaffen. Schnell expandiert so dessen Kanzlei, und er wird überaus erfolgreich.

Spät erreicht eine Wiederaufnahme des Verfahrens, in dem Kohler trotz der zahlreichen Tatzeugen freigesprochen wird. Statt K. wird ein Unschuldiger verdächtigt, der sich daraufhin suizidiert, was als Schuldeingeständnis verstanden wird. S. beendet nun das absurde Spiel und gibt den Auftrag zurück. Daraufhin sorgt K. für das Versiegen des Mandantenzulaufs, und bald ist S. finanziell ruiniert und verfällt dem Alkohol.

In einem Schlussmonolog äußert K. einige Jahre später gegenüber Journalisten, ohne direkt auf den Mord angesprochen worden zu sein:

…Es hat sich damals nur um die Notwendigkeit gehandelt, einen Menschen zu ermorden oder ermorden zu lassen. …

Politik und Wirtschaft unterliegen nun mal den gleichen Gesetzen der Machtpolitik. Überall steht man immer wieder vor der Notwendigkeit, Menschen von der Macht auszuschalten oder selbst ausgeschaltet zu werden. …

Ich hätte den Mord natürlich auch anordnen können alles lässt sich delegieren , aber ich ziehe es immer noch vor, meine Schuhe selber zu binden (Lachen der Umstehenden). Das ist mein Schicksal, dass mir niemand meinen Mord glauben will.

 

Plutotypisch sind

- das „Spiel mit der Wirklichkeit“, hier ihre willkürliche Infragestellung wider besseres Wissen und ihre partielle Wandlung in ihr Gegenteil;

- das Durchschauen des Gegenübers, das Erkennen von Charaktereigenschaften, die seine Manipulation durch materielle Vorteile ermöglichen;

- der korrumptiv Manipulierte manipuliert seinerseits die Wirklichkeit, eine Person ist also Opfer und Täter zugleich;

- die verborgen und unerkannt wirkende Macht, die Erfolg und Misserfolg steuert, auch den Tod eines Unschuldigen verursacht;

- die Ohnmacht des Manipulationsopfers, die seine Wandlung zum frustrierten Alkoholiker pro­voziert;

- eine doppelte Larvierung/„Maskierung“: Der Täter wird zum scheinbaren Nicht-Täter, um als solcher dann zu beklagen, dass ihm seine Täterschaft nicht geglaubt wird.

Ein Gericht so zu manipulieren, dass es wider besseres Wissen einen Täter aus formalen Gründen schließlich für unschuldig erklärt, sollte in der Realität unmöglich sein. Es ist eine Übertreibung Dürrenmatts, mit der die Plutothematik überspitzt zum Ausdruck kommt.

Dieser Roman von 1985 ist auch eine beispielhafte Auseinandersetzung mit einem jetzt aktuellen Thema: die durch Donald Trump populär gewordenen „alternativen Fakten“. Denn obwohl der Mord eindeutig von Kohler verübt wurde, vor sehr vielen Zeugen, wird er schließlich freigesprochen, weil seine Schuld trotz dieser Zeugen nicht bewiesen sein soll. Die Realität wird irrelevant, eine „alternative Realität“ wird erfunden und zur Wahrheit erklärt.

 

Am Beispiel von Schauspielern und Regisseuren, die Dürrenmatts Werke in Szene setzten, lässt sich eine Korrelation zwischen strukturellen Persönlichkeitsmerkmalen der Künstler und Dürrenmatts Thematik darstellen. (Erläuterungen zu den folgenden Auflistungen s. unten)

 

An Justiz waren beteiligt

Friedrich Dürrenmatt (5.1.1921, GZ), Romanvorlage und Drehbuch:

c7j 0,3, g isol., ac/J

Hans W. Geißendörfer (6.4.1941), Regie und Drehbuch: e7j 0,7, b/j (87%),

Maximilian Schell (8.12.1930, GZ), Kohler: d4j 2,0, b/j 0,7, d/H

Thomas Heinze (30.3.1964), Spät: b/H, dazu b2j (78%)

 

Nicht nur Justiz, auch das Gesamtwerk Dürrenmatts hat einen starken Plutobezug. In Der Besuch der alten Dame rächt sich die sehr reich gewordene Claire Zachanassian für ein in der Jugend erlittenes Unrecht, indem sie eine Dorfgemeinschaft durch ein Millionengeschenk dazu veranlasst, das Ziel ihrer Rache, Alfred Ill, zu ermorden, ihn ihr zu opfern. Manipulation und Macht sind also auch hier das Thema.

Die Alte Dame in der Uraufführung 1956 war Therese Giehse (6.3.1898): a3j 3,2; g7j 0,7

 

Die erste Verfilmung stammt von 1958:

Claire: Elisabeth Flickenschildt (16.3.1905): a3j 5,5

Alfred: Hans Mahnke (22.4.1905): e/H

Regisseur Ludwig Cremer (4.7.1909): c/j 4,3, e3j 3,2

 

Noch zu jung für eine „alte Dame“ war 1963 die Protagonistin in der stark abgewandelten Version Der Besuch:

Ingrid Bergman (28.8.1915, GZ): a2j 1,1, e/j 2,8, b8j 2,0

Alfred: Anthony Quinn (21.4.1916, GZ): a2j 0,4

Regisseur Bernhard Wicki (28.10.1919, GZ): a4j 4,0, ac/H

 

Ein Fernsehfilm von 1982:

Claire: Maria Schell (5.1.1926, GZ): a nur 7j 1,0; b8j 0,9

Alfred: Günter Lamprecht (21.1.1930): e7j 0,8

Regisseur Max P. Ammann (22.1.1929): d4j 1,0

 

Eine russische Verfilmung stammt von 1989:

Claire: Jekaterina Wasiljewa (15.8.1945): j nur evtl. 3b, b/H

Alfred: Valentin Gaft (2.9.1935): c2j 1,7, e/H

Regisseur Michail Kosakow (14.10.1924): a3j 5,7, c/H

 

Ein weiterer TV-Film entstand 2008:

Claire: Christiane Hörbiger (13.10.1938): j nur 4d 1,6

Alfred: Michael Mendl (20.4.1944): a3j 6,2

Regisseur Nikolaus Leytner (26.10.1957): a2j 0,8, c2j 2,3, ac/H

 

Die Geburtsdaten von Regisseur und Hauptdarstellern der senegalesischen Produktion Hyänen von 1992 konnte ich nicht recherchieren. Die Auflistung enthält aber die Hauptdarsteller und Regisseure aller anderen Verfilmungen (bis 29.2.2016), dazu die Hauptdarstellerin der Theateruraufführung. Es fällt auf, das bei 9 der 16 Personen ein Hauptaspekt zwischen Sonne und Pluto (a/j) vorliegt. Zufällig zu erwarten sind 4 bis 5.

Dürrenmatt war am Drehbuch für den 1958 entstandenen Kriminalfilm Es geschah am hellichten Tag beteiligt. Um einen Kinder-Serienmörder zu entlarven, benutzt der ermittelnde Kommissar Matthäi ein sechsjähriges Mädchen als Lockvogel, ohne dessen Mutter darüber zu informieren. Die Themen sind also auch hier Larvierung, Manipulation, Macht und Ohnmacht (Mörder und Opfer).

Regisseur des Films war Ladislao Vajda (18.8.1906): j nur 2a 1,0

Darsteller des Kommissars war Heinz Rühmann (7.3.1903, GZ):

a3j 1,1, c4j 4,3, d4j 0,8, e3j 3,9.

Rühmann erhielt 1957 den deutschen Filmpreis für seine Darstellung des Hauptmann von Köpenick, der Verfilmung des Falls Wilhelm Voigt, bei dem es ebenfalls um Manipulation mit Hilfe einer Maskierung und Macht/Ohnmacht geht (die staatliche Macht/Voigts Ohnmacht bzw. Manipulation durch die Macht einer Uniform).

Dürrenmatt war mit dem Film nicht zufrieden, denn u. a. hatte sein Drehbuch kein Happy End vorgesehen. So verarbeitete er den Stoff danach zu einem Roman, mit dem Titel Das Versprechen. Sein Untertitel Requiem auf den Kriminalroman deutet an, worum es D. dabei ging: um die Infragestellung des gesamten Genres. In der Rahmenhandlung wird dieses von einem erfahrenen Kriminalisten scharf kritisiert. So spiele in Kriminalromanen der Zufall keine Rolle, und dass alle Verbrecher ihre Strafe fänden, sei eine staatserhaltende Lüge. Und: „Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen.“

Dürrenmatt stellte also die üblichen Kriminalromane und -filme infrage, weil sie mit ihrem Sche­ma Tat Ermittlung gelungene Aufklärung seiner Meinung nach die Wirklichkeit verfälschen, weil sie ein nur theoretisch vorhandenes, abstraktes Erfolgsideal kriminalistischer Arbeit als Normalität erscheinen lassen. Dem Versprechen dagegen fehlt das Happy End: Der Täter tappt nicht in die ihm gestellte Falle, er bleibt auch unbekannt, und der Kommissar wartet noch jahrelang auf sein Erscheinen, das aber nie erfolgt. Die Demaskierung findet nicht statt. Der unbekannte Täter manipuliert so als ungelöstes Rätsel, als Phantom, noch lange Zeit das Denken des Kommissars, ohne jemals in Erscheinung getreten zu sein.

Eine Verfilmung, die sich aufgrund von Dürrenmatts Beteiligung am Drehbuch recht genau am Roman orientierte, war 1979 La promessa:

Regisseur: Alberto Negrin (2.1.1940): j isoliert

Kommissar: Rossano Brazzi (18.9.1916): e4j 2,1, e/H

 

Szürkület ist eine ungarische Verfilmung in Schwarz-Weiß von 1990:

Regisseur: György Féher (12.2.1939): j isoliert

Kommissar:  Péter Haumann (17.5.1941): d2j 1,3

 

Eine niederländisch-britische Verfilmung von 1996 ist Tod im kalten Morgenlicht:

Regisseur: Rudolf van den Berg (6.1.1949): a6j 0,2

Kommissar: Richard E. Grant (5.5.1957): e2j 2,6

 

1997 gab es eine weitere deutsche Verfilmung unter dem alten Titel Es geschah am helllichten Tag, wiederum mit Happy End:

Regisseur: Nico Hofmann (4.12.1959): a3j 5,4, c/H, g4j 0,1

Kommissar: Joachim Król (17.6.1957): a2j 2,3, d1j 0,4

Drehbuchbearbeitung: Bernd Eichinger (11.4.1949): e4j 1,6

 

Die letzte Verfilmung 2001, The Pledge, stammt aus den USA:

Regisseur Sean Penn (17.8.1960): e3j 4,6

Hauptdarsteller Jack Nicholson (22.4.1937, GZ): a3j 5,6, b2j 2,5, d3j 1,8

 

In diesem Film erscheint der Täter nicht beim ihm präsentierten Lockvogel, weil er auf dem Weg dorthin tödlich verunglückt. Da aber seine Identität unbekannt geblieben ist, kann keine Verbindung zu dem Unfall hergestellt werden. So bleibt nicht nur der Täter dem Kommissar a. D. verborgen, sondern auch die Tatsache, dass er gar nicht mehr lebt, dass das Warten auf ihn also völlig sinnlos sein muss.

Alle anderen Beteiligten hatten die nur vom Kommissar erkannte Wahrheit für eine Illusion gehalten. Nun wurde ihre Illusion, der unterstellte Irrtum des Kommissars, zur scheinbaren Realität, in der aber die Wahrheit bis in alle Ewigkeit verborgen weiterexistieren wird – Pluto „in Rein­kultur“: Die Wahrheit, die Wirklichkeit verborgen hinter Fakten, von denen sie verschleiert wird.

Auch diese Liste enthält die Hauptdarsteller und Regisseure aller Verfilmungen. Wieder fällt eine leichte Häufung von Sonne-Pluto-Aspekten auf: Es sind 5 statt zu erwartender 3 bis 4. Hinzu kommen zwei topozentrische Pluto-Isolationen, die ebenfalls die generelle Bedeutung der j-Thematik erhöhen, aber j-Aspekte natürlich ausschließen.

In beiden Fällen zusammen liegen also 14 statt 8 a-j-HA vor, dazu zwei j-Isolationen statt der zu erwartenden einzelnen. Statistisch belanglos, ist diese Auswertung dennoch ein Hinweis auf die Affinität der Betroffenen zu den Pluto-Themen. Denn nicht irgendein beliebiger Faktor tritt vermehrt auf, sondern genau der, der auch mit den plutonischen Filmthemen korreliert ist.

Fast alle Werke Dürrenmatts haben das Verhältnis zwischen scheinbarer und echter Realität, zwischen Schein und Wirklichkeit, zwischen Fakten und „alternativen Fakten“ in all seinen Varianten zum Thema, sind also plutonisch geprägt. Ob in Der Richter und sein Henker, in Die Physiker oder in seinem letzten Roman Durcheinandertal – die Wirklichkeit ist nicht das, was sie zu sein scheint. Zumindest aber ist sie zu ergänzen um etwas, das zusätzlich – unerkannt – in ihr enthalten ist.

Friedrich Dürrenmatt ist ein besonders gutes Beispiel für die Manifestation eines Konflikts zwischen den Persönlichkeitsanteilen, die zuständig sind für logische Ordnung und Systematik, für Stabilität, Sicherheit, Verlässlichkeit, für die manifeste Realität, Saturn entsprechend, bzw. zustän­dig sind für die Hinterfragung der Realität im Sinne von Pluto und Orcus:

- Sonne und Merkur im Saturnzeichen Steinbock, die Sonne zentral (auf 14,3°), dazu Saturn selbst isoliert,

- Pluto in auf 0,3° genauer Opposition (179,66°) zu Merkur, dem Intellekt entsprechend.

Da letzterer aber durch den Steinbockeinfluss auch am Verlässlich-Festen, Eindeutigen und Sicheren orientiert ist, ergab sich bei Dürrenmatt als Konsequenz dessen Infragestellung: Ist in der wahrnehmbaren, sichtbaren, greifbaren Realität etwas verborgen? Ist sie möglicherweise gar nicht das, wofür wir sie halten? Ist sie vielleicht nicht so klar, eindeutig und zuverlässig, wie sie erscheint?

Dürrenmatts Werk ist insgesamt Ausdruck einer permanenten Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Der Zusammenhang zwischen seiner astrologisch darstellbaren Persönlichkeitsstruktur und seinem künstlerischen Hauptthema – und damit wesentlichem Thema seines Lebens – ist offensichtlich.

 

Der Iffland-Ring

Einen weiteren Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Schauspiel und Pluto liefern die Träger des Iffland-Rings. Der Schauspieler August Iffland (19.4.1759, GZ) verschenkte mehrere Ringe mit seinem Konterfei an Personen, die Bewunderer seiner Kunst oder seiner Person waren. Einer dieser Ringe befand sich im Nachlass des 1911 verstorbenen Schauspielers Friedrich Haase. Auf einem beiliegenden Zettel hatte er vermerkt, dass dieser Ring, von Iffland gestiftet, eine Auszeichnung für den jeweils besten lebenden deutschsprachigen Schauspieler sein solle.

Da offenbar kein anderer der Ringe mehr in Umlauf war, führte diese Behauptung dazu, dass ein Ritual eingeführt wurde: Der aktuelle Träger des Rings erwählt den nach seiner subjektiven Meinung besten Schauspieler deutscher Sprache zum ihm nachfolgenden Ringträger. Das wird auch heute noch praktiziert, obwohl Haases Behauptung mittlerweile stark angezweifelt wird.

 

Nachträglich wurde aufgrund historischer Zusammenhänge und Überlieferungen rekonstruiert, welche Schauspieler vor Haase dessen Ringexemplar besessen hatten. So resultiert eine Liste mit bisher acht Trägern des Iffland-Rings. Die Geburtskonstellationen aller acht weisen einen Sonne-Pluto-Aspekt auf (in Klammern die Aspektdefinitionen/die Abweichungen davon, bei unbekannter Geburtszeit die Spanne der möglichen Abweichung im Tagesverlauf):

 

 

Geb.-Dat.

           Aspekt

Sonstiges

1. Ludwig Devrient

15.12.1784

a1j (  45°/1,1°)

 

2. Gustav E. Devrient

04.09.1803

a7j (180°/3,2-4,2°)

 

3. Theodor Döring

09.01.1803

a1j (  45°/1,6-2,6°)

 

4. Friedrich Haase

01.11.1825

a9j (144°/0,0-0,7°)

a/c/H

5. Albert Bassermann

07.09.1867

a4j (120°/1,3°)

 

6. Werner Krauß

23.06.1884

a0j (  30°/1,3°)

MC/H

7. Josef Meinrad

21.04.1913

a2j (  60°/2,0-2,9°)

b/H

8. Bruno Ganz

22.03.1941

a4j (120°/0,2-1,2°)

 

 

Iffland selbst wurde während eines Sonne-Pluto-Trigons (a4j, 123,5°) bei MC in Skorpion (MC/H) geboren.

 

Bassermann hatte etwas „Pech“ bei der Vererbung des Rings. Dreimal benannte er einen Nachfolger, der dann aber jeweils vor ihm starb. Die drei auf diese Weise verhinderten Ringträger waren:

 

Alexander Girardi

05.12.1850

a5j (135°/0,0-0,6°)

 

Alexander Moissi

02.04.1879

a1j ( 45°/2,4°)

 

Max Pallenberg

18.12.1877

a6j (150°/2,2-(3,2°))

 bis 14 Uhr

 

Auch Bruno Ganz hatte einen Nachfolger bestimmt, der vor ihm starb: Gert Voss. Geboren am 10.10.1941 in Shanghai, lag bei diesem ein Sonne-Pluto-Quintil (a8j) vor, auf 0,7° bis 1,7° exakt. Die Zufallswahrscheinlichkeit dafür, dass, wie hier, bei mindestens 12 von 13 beliebigen Konstellationen Haupt- oder Nebenaspekte zwischen Sonne und Pluto mit mindestens solchen Genauigkeiten vorliegen, beträgt unter 1:27000 [1]. Da bei 10 berücksichtigten Himmelskörpern insgesamt 45 Aspektmöglichkeiten zwischen je zwei von ihnen bestehen, es also 45 Möglichkeiten dafür gibt, dass ein solches „12 von 13“ zustande kommt, könnte es sich auch noch um einen sehr unwahrscheinlichen Zufall handeln.

Für die Bedeutung des Ergebnisses entscheidend ist aber, dass es der astrologischen Erwartung entspricht. Es ist eben auch hier nicht irgendein astrologisches Element vermehrt zu erwarten, sondern eine plutonische Beeinflussung, die vornehmlich die bewusste Gesamtpersönlichkeit, der Sonne entsprechend, betrifft. Direkt erfolgt diese Beeinflussung durch Sonne-Pluto-Aspekte, während Sonne- und Planetenstellungen im Plutozeichen Skorpion eine nur indirekte und damit deutlich schwächere Wirkung haben.

 

Diese Korrelation zwischen astrologischer Erwartung und Realität kann als weiteres Indiz für die Existenz astrologischer Effekte aufgefasst werden. Denn es ist wohl kaum anzunehmen, dass die Schauspieler die Wahl ihrer Nachfolger von Merkmalen der Horoskope abhängig gemacht haben. Sie entschieden aufgrund ihrer subjektiven Empfindung der schauspielerischen Leistungen und sicher auch persönlicher Sympathie. Dass nun alle einen Nachfolger wählten, der in der Betonung eines Teilbereichs der Persönlichkeit mit ihnen übereinstimmte, weist darauf hin, dass sie diese Ähnlichkeit bemerkten. Der jeweilige Nachfolger war in einem für das Schauspiel relevanten Teil eine Variante seines Vorgängers, und auch wechselseitige Sympathien wurden durch die strukturelle Teilverwandtschaft gefördert. Unterschiede in Rollengestaltungen widersprechen dem nicht [2]. Entscheidend ist das in allen Fällen wirksame Prinzip der Hinterfragung des eigenen Bewusstseins und das Spiel mit anderen Ausdrucksmöglichkeiten der eigenen realen Existenz, mit der sich daraus ergebenden Möglichkeit der Entwicklung „virtueller Zweitpersönlichkeiten“: Pluto wirkt.

 

Anzumerken ist noch, dass Bassermann starb, bevor er zum vierten Mal einen Nachfolger benannt hatte. Das übernahm der Kartellverband deutschsprachiger Bühnenangehöriger. Auch dieser wählte mit Werner Krauß einen plutonisch beeinflussten Schauspieler.

 

Eine Korrelation zwischen der Qualität schauspielerischer Leistungen und dem Vorliegen eines Sonne-Pluto-Aspekts ist dann zu erwarten, wenn die Leistungen darin bestehen, Persönlichkeiten so darzustellen, dass sie trotz innerer Widersprüche insgesamt in sich vollkommen geschlossen und psychologisch plausibel wirken. [3] Das gilt unabhängig vom jeweils vorherrschenden Trend der Darstellung, also auch für das 19. Jahrhundert, als die Psychologie noch nicht allgemein ins Schauspiel integriert war. Das Vorliegen eines Sonne-Pluto-Aspekts bei Iffland und allen Trägern seines Rings bedeutet, dass es sich um „Schauspieler plutonischen Typs“ handelte bzw. handelt (s. Bruno Ganz als Hitler und als Faust), zumindest aber eine nicht unwesentliche Mitbeteiligung Plutos an den Rollengestaltungen vorlag.

 

Haase schaffte mit seiner erdachten Ring-Geschichte eine „verborgene zweite Wirklichkeit“. Er erfand eine Wahrheit hinter Ifflands Ring, eine angebliche wahre Bedeutung des oberflächlich Sichtbaren. Die Nachwelt glaubte ihm, und es entstand ein plutonisches Konstrukt: Haase war nicht nur ein Schauspieler, nein, er war ein künstlerischer Nachfahre des großen Iffland. Mit der Erfindung der Bedeutung des Rings versuchte Haase, posthum sein Ansehen zu steigern, indem er sich zu einem „iffländisch Geadelten“ erklärte.

 

Insgesamt handelte es sich um eine Manifestation plutonischer Einflüsse jenseits des Schauspiels. Haase hielt den Besitz des Ringes geheim, um ihm dann eine Bedeutung zu geben, die bis zu seinem Tod verborgen gewesen war. Der Sachverhalt konnte seitdem nicht bestätigt, aber auch nicht explizit widerlegt werden. Es bleibt unklar, was die Wahrheit, die Wirklichkeit ist: Ist der Ring des eitlen Iffland die vollständige Realität, oder ist er nur ein Symbol einer in ihm enthalten Bedeutung? Im Sinne des Dr. Faust: Enthält der Pudel einen „Kern“ oder ist der Pudel einfach nur ein Pudel, ohne einen in ihm verborgenen tieferen Sinn?

 

Haase war der einzige der zwölf, bei dessen Geburt die Sonne im Plutozeichen Skorpion stand, und bei dem Pluto deutlich unterdurchschnittlich in die Gesamtstruktur integriert war. So wurde bei ihm die Wirkung seines exakten Sonne-Pluto-Biquintils diffus verstärkt.

Bei den Geburten von acht Trägern des Rings, drei als Träger vorgesehenen, aber vor der Vererbung Verstorbenen, und August Iffland selbst standen also bei 11 Sonne und Pluto in überdurchschnittlich genauen Haupt- oder Nebenaspekten zueinander.

 

„Technische“ Erläuterungen:

Die Zahlen hinter den Aspekten geben die Abweichungen von den jeweiligen Aspektdefinitionen an.

Bei unbekannter Geburtszeit (GZ) wurde die 12 Uhr-Stellung verwendet.

Die Geburtsorte wurden genau berücksichtigt.

Die Geburtsdaten entstammen der Geburtsdatenbank des Deutschen Astrologenverbandes (mit GZ) und der Internet-Enzyklopädie Wikipedia (ohne GZ).

 


[1] Diesem Ergebnis liegen folgende Orben der Sonne-Pluto-Aspekte zugrunde:

Konjunktion, Opposition, Trigon, Quadrat  5,25°   (7°x0,75)

Sextil                                                            3,15°   (7°x0,75x0,6)

Halbquadrat, Anderthalbquadrat                  2,625° (7°x0,75x0,5)

Quintil, Biquintil, Quincunx                         2,10°   (7°x0,75x0,4)

Halbsextil                                                     1,575° (7°x0,75x0,3)

Die mittlere Wahrscheinlichkeit für das zufällige Auftreten eines solchen Aspekts beträgt also ungefähr ((5,25·12) + (3,15·4) + (2,625·8) + (2,1·12) + (1,575·4)) : 360 = 128,1 : 360 = 0,35583.

Für das Ergebnis „mindestens 12 von 13“ gilt demnach:

P = 0,3558312·(1-0,35583) ·13 + 0,3558313 = 0,00003597 oder 1:27802

[2] Interessant ist hier, dass Pallenberg, der einzige ohne einen derartigen Aspekt mit ausreichender Exaktheit,  als einziger der 12 besonders als Komiker erfolgreich war.

[3] Voraussetzung ist natürlich, dass die Rolle entsprechend angelegt ist und diese Möglichkeit eröffnet.

 

 

 

 

 

 

      Der Autor dieser Seite:

      Bernt Hunze

 

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    darstellbare

    Persönlichkeitsstruktur:


          Heliozentrisch:

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